Zeitarbeit in der Pflege vom Problemlöser zum Problem?

Das immer mehr Pflegekräfte lieber bei Personaldienstleistern als in Festanstellung in einem Team arbeiten, bringt die Kliniken nicht nur finanziell in Schwierigkeiten: Auf den Stationen rumort es. Nun soll es (auch) die Politik richten.

 

Der Schulterschluss ist ein Novum und wäre noch vor kurzem undenkbar gewesen. Bei der Zusammenarbeit mit Personal-dienstleistern will eine große Mehrheit der Berliner Krankenhäuser künftig einheitliche Regelungen in ihre Verträge mit den Verleihern übernehmen. Die Kontrakte sollen neben einer Preisbindung unter anderem vorschreiben, dass Zeitarbeiter alle drei Schichten abzudecken haben und dass die Anbieter Unterweisungen und Fortbildungen nachweisen müssen.

 

Leasing im Krankenhaus soll strenger reguliert werden

 

„Die Allianz zeigt das Ausmaß der Problematik“, sagt Judith Heepe, Pflegedirektorin der Charité: „Wir müssen den Wildwuchs im Personal-leasing eindämmen.“ Mit Blick auf die Verträge solle sich noch in diesem Jahr etwas ändern.Dabei weiß Heepe neben ihren Kollegen auch Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci an ihrer Seite. Die SPD-Politikerin verspricht im „Berliner Pakt für die Pflege“, ihre Verwaltung werde sich dafür einsetzen, „dass Leasing im Krankenhaus strenger reguliert wird“.

 

Ziel sei es, „die mit der Leiharbeit verbundenen Verluste an Pflegekräften in Festanstellung zu reduzieren und Leiharbeitnehmer nur noch zur Abfederung besonders hoher Arbeitsbelastung einzusetzen.“

 

Die Berliner Botschaft ist klar: Leiharbeit in der Pflege hat einen kritischen Punkt erreicht. „Sie verschlingt Millionenbeträge und belastet alle Häuser, vor allem in den Ballungsräumen“, erklärt Judith Heepe. Innerhalb von zwölf Monaten hätten sich die Stundenpreise für spezialisierte Pflege­fachkräfte in Bereichen wie Intensivstation, Anästhesie und OP verdreifacht.

 

Auf den Stationen der Charité hat Heepe den Einsatz der Leiharbeiter zwar wieder auf unter ein Prozent gesenkt, in den Spezialbereichen allerdings sind es noch sieben Prozent – „entschieden zu viel“. In zahlreichen anderen Häusern der Republik seien sogar zweistellige Prozentzahlen die Regel. Andrea Lemke, Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats, weiß gar von Schichten mit einem Leasinganteil von mehr als 50 Prozent.

 

Vor allem die Vermittler gewinnen

 

Auch deshalb fordert der Pflegerat die Politik auf, „zeitnah regulierend einzugreifen“. Als Vorbild dient das Baugewerbe, für das die Arbeitnehmer-überlassung eingeschränkt ist. Gleichzeitig sollten die Qualifikations-anforderungen an die Verleiher steigen, fordert Lemke: „Gefühlt entstehen jede Woche fünf neue Firmen, weil der Sektor kaum geregelt ist. Derzeit ist er eine Gelddruckmaschine.“

 

Nicht nur für Lemke ist es „eine fragwürdige Entwicklung, dass Personaldienstleister mit Geldern aus der Solidargemeinschaft solche Gewinne machen“. Auch Dr. Matthias Bracht sieht eine Zweckentfremdung: „Durch das Personalleasing wird gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt – die Leiharbeiter verdienen mehr als die Stammbelegschaft, und vor allem gewinnen die Vermittler“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft kommunaler Großkrankenhäuser (AKG).

 

 

Quelle: Jens Kohrs/kma